"Das ist brauner Terror"

Erschienen in Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau, online u.a. hier

 

Gegen 3 Uhr in der Nacht geht das Auto von Heinz Ostermann in Flammen auf. Unbekannte haben den Peugeot angezündet, der Wagen brennt von vorne komplett aus, nur verrußtes Blech bleibt. Und im Kofferraum eine Fuhre Bücher, verkohlt, die der Buchhändler in seinen Laden bringen wollte.

Ostermann liegt 300 Meter entfernt im Bett, ein Anruf der Polizei weckt ihn. Seine Nummer haben die Beamten schon abgespeichert, denn der 61-Jährige wird nicht zum ersten Mal Ziel eines solchen Angriffs. Er neben seinem brennenden Wagen, die Lichter der Feuerwehr in der Nacht – für Heinz Ostermann ist das „ein Déjà-vu“.

Heinz Ostermann

Heinz Ostermanns Auto wurde zum zweiten Mal angezündet.

Foto:

Annika Leister

13,9 Prozent der Stimmen holte die AfD 2016 in Neukölln bei der Senatswahl. Ostermann schockierte das, zusammen mit anderen in seiner Branche habe er gedacht: „Wir müssen was machen.“ Also gründeten sie die Initiative „Neuköllner Buchhändler gegen Rechtspopulismus und Rassismus“ und organisierten Lesungen zum Thema.

Ein Schritt, der für Ostermann schwere Folgen hatte. Erst flogen Steine in die Scheiben seines Kiezladens. Ostermann ließ Sicherheitsglas einbauen, gitterte Fenster ein und tauschte die Schlösser aus. Wenige Wochen darauf brannte sein Ford Focus, diesmal vor seiner Privatadresse in Neukölln-Britz. Totalschaden Nummer 1. Nachbarn und Freunde sammelten Spenden, Ostermann kaufte von dem Geld einen Peugeot und spendete den Rest. Ungefähr elf Monate konnte er ihn fahren. Dann brannte in der Nacht zum 1. Februar auch der Peugeot.

Für Ostermann steht fest, dass die Täter aus der rechten Szene kommen. Auch der Staatsschutz ermittelt in der Szene. Schon von 2008 bis 2012 hatte es eine Welle rechter Anschläge in Neukölln gegeben, bei der die Täter Vereinshäuser und linke Jugendzentren angriffen. Seit knapp zwei Jahren beobachten Experten eine neue Serie, die sich verstärkt gegen Einzelne richtet: Vor allem in Britz und Rudow werden seit Mai 2016 gezielt Autos von Menschen angezündet, die sich im weitesten Sinne gegen Rechts einsetzen. Gewerkschafter, Flüchtlingshelfer und Mitglieder in Vereinen sind gleichermaßen die Opfer.

Aus dem Asphalt gerissene Stolpersteine

13 von Rechten abgefackelte Autos zählt die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) seit Mai 2016 in Neukölln. Hinzu kommen ein Brandanschlag auf ein Café und einen Wagenplatz, 15 aus dem Asphalt gerissene Stolpersteine, die an deportierte Juden erinnern, sowie zahlreiche Bedrohungen durch Graffiti an Hauswänden.

Der Staatsschutz verdächtigt bei den Brandstiftungen eine Gruppe von Personen aus der rechten Szene, die bereits polizeibekannt ist. Anzahl: im „unteren zweistelligen Bereich“. „Der potenzielle Täterkreis ist überschaubar“, sagt Simon Brost von der MBR. Aber mit extremen Aktionen wie dem Anzünden von Autos könne auch mit wenigen Personen maximale Aufmerksamkeit erzielt werden. „Die Täter wollen Engagierte verängstigen, von ihrer Arbeit abbringen oder, wie im Falle Ostermann, demokratisches Engagement möglichst schon im Keim ersticken.“

„Das ist brauner Terror“

Oft haben die Täter in Neukölln mehrere Ziele in einer Nacht attackiert. Die Feuer wurden mit nur wenigen Minuten Abstand gelegt. In der Nacht, in der Ende Januar 2017 Heinz Ostermanns erster Wagen brannte, wurde auch der Oldtimer von Detlef Fendt, Gewerkschafter im Ruhestand, in Britz angezündet. Mit seinem Mercedes fuhr er oft zu NPD-Kundgebungen, um die „Braunen zu stören“. Jetzt ist von seinem geliebten Mercedes nur ein Brandfleck geblieben, eine Querstraße weiter in den Asphalt gefressen. Seitdem wollten manche Nachbarn nicht mehr neben ihm parken, erzählt der 65-Jährige. Fendt selbst hat sich mit Feuerlöschern ausgerüstet. „Das ist brauner Terror“, sagt er. „Eigentlich sind die Nachbarn gemeint. Die sollen sehen: Wenn ihr euch so benehmt, passiert euch dasselbe.“

Als Anfang Februar 2018 Ostermanns zweiter Wagen brennt, wird circa 20 Minuten später in Rudow auch Linkspolitiker Ferat Kocak im Bett vom Feuerschein geweckt. Sein Auto steht ebenfalls in Flammen, im Carport gleich neben dem Haus. Kocak jagt seine verängstigten Eltern aus den Betten, stürzt selbst hinaus und hält mit einem Feuerlöscher den Brand vom Haus fern, bis die Feuerwehr eintrifft. Von den Einsatzkräften erfährt er: Nur einen Meter entfernt verläuft eine Gasleitung, die die gesamte Straße versorgt.

Seine Mutter traue sich seit dem Anschlag nicht mehr aus dem Haus. Den 38-Jährigen überkommt selbst manchmal Unsicherheit, sagt er, vor allem abends, wenn es dunkel wird. Dann schnappt er sich seine Hunde, dreht eine Runde im Garten, checkt das Schloss des Gartentors und rückt einen Zettel zurecht, den er abends an die Heckscheibe seines neuen Mietwagens klebt: „Familie Kocak is watching you! Fuck you!“

Kein Vertrauen in die Polizei

Buchhändler Ostermann, den es jetzt zum dritten Mal traf, spricht ruhig, sagt lieber gar nichts als zu viel. „Ich bin ein Stück weit erledigt“, sagt er jetzt. Da ist der Stress mit den Versicherungen. Die Suche nach einem neuen Auto, schon wieder. Und erneut anfangen, vorm Parken darüber nachzudenken: Wie nah am Haus soll ich mein Auto abstellen? Dabei hatte die Sorge gerade angefangen, nachzulassen. Außerdem gehört Ostermann zu den Betroffenen, die sich bei Demos zeigen, die sich der Presse stellen. Nicht alle wagen das. Und es zehrt an den Nerven.

Ostermann hat keine Freude daran, mit der Presse zu reden, das spürt man. Aber es ist der einzige Weg, Aufmerksamkeit zu generieren. Vertrauen in die Polizei hat er keines mehr. Am Anfang war das anders. Da habe er noch auf rasche Erfolge gesetzt, erzählt er. Damals wurde eine sechsköpfige Sonder-Ermittlungsgruppe namens RESIN („Rechtsextremistische Straftaten in Neukölln“) eingesetzt, nach genau einem Jahr lassen sich die Erfolge mit einer Zahl zusammenfassen: null. Für Ostermann vollkommen unverständlich: „Ich kann nicht feststellen, dass die Polizei fähig ist, da jemanden festzunehmen.“

Täter dürfen nicht vorgewarnt werden

Am 2. Februar, gleich am Tag nach den jüngsten Anschlägen, durchsuchte der Staatsschutz erstmals vier Wohnungen von Mitgliedern der rechten Szene. Laptops, Handys und Schriftstücke wurden dabei sichergestellt, berichtet der Tagesspiegel. Für Ostermann gut getimte „Spiele fürs Volk“. Hoffnung auf Festnahmen habe er dabei nicht. „Aber so lange niemand gefasst ist, wird es niemals enden.“

Das habe er auf einem Treffen von Angegriffenen mit Lokalpolitikern auch Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) gesagt. Die hat die Angriffe bereits verurteilt und dem Unverständnis der Betroffenen viel Verständnis entgegengebracht. Die Berliner Polizei teilt mit, die Kritik sei bekannt. Man könne Ergebnisse nicht veröffentlichen, um die Täter nicht vorzuwarnen. Aber man ermittle mit Hochdruck. Für Ostermann ist das kein Trost. Er wird – wie Kocak, Fendt und alle anderen Angegriffenen – weitermachen. Jetzt erst recht.

Aber bevor er sich ein neues Auto anschafft, plant er den Kauf einer Garage.

– Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/29696756 ©2018

Gegen 3 Uhr in der Nacht geht das Auto von Buchhändler Heinz Ostermann in Flammen auf. Unbekannte haben den Peugeot angezündet, der Wagen brennt von vorne komplett aus. Nur verrußtes Blech bleibt – und im Kofferraum eine Fuhre Bücher, verkohlt, die der Buchhändler eigentlich in seinen Laden bringen wollte. 

 

Ostermann liegt kaum 300 Meter entfernt im Bett, ein Anruf von der Polizei weckt ihn. Seine Nummer haben die Beamten schon lange abgespeichert. Denn der 61-Jährige wird nicht zum ersten Mal Ziel eines solchen Angriffs: Er neben seinem brennenden Wagen, die hell lodernden Flammen, die Lichter der Feuerwehr in der Nacht – für Ostermann ist das „ein Déjà-vu“.

 

13,9 Prozent der Stimmen holte die AfD im September 2016 in Neukölln bei der Senatswahl. Ostermann schockierte das, zusammen mit anderen in seiner Branche habe er gedacht: „Wir müssen da was machen.“ Also gründeten sie die Initiative „Neuköllner Buchhändler gegen Rechtspopulismus und Rassismus“, die Lesungen und Vorträge zu dem Thema ausrichtet. Bei der ersten Veranstaltung in Ostermanns Buchhandlung Leporello in Rudow kamen 50 Zuhörer.

 

Ein kleiner Schritt, der für Ostermann in diesem Kiez schwere Folgen hatte: Erst flogen Steine in die Scheiben seiner Buchhandlung. Ostermann ließ Sicherheitsglas einbauen, gitterte Fenster ein und tauschte die Schlösser aus. Wenige Wochen darauf brannte sein Ford Focus, diesmal vor seiner Privatadresse in Neukölln-Britz. Totalschaden Nummer 1. Nachbarn und Freunde sammelten Spenden, Ostermann kaufte von dem Geld als Ersatzwagen einen Peugeot und spendete den Rest. Ungefähr 11 Monate konnte er ihn fahren. Dann brannte in der Nacht zum 1. Februar auch der Peugeot.

 

Für Ostermann steht zweifelsfrei fest, dass die Täter aus der rechten Szene kommen. Auch der Staatsschutz ermittelt in diese Richtung. Schon von 2008 bis 2012, mit einem Höhepunkt 2010/2011, hatte es eine Welle rechter Anschläge in Neukölln gegeben, bei der die Täter Vereinshäuser und linke Jugendzentren mit Molotow-Cocktails und Farbflaschen bewarfen. Seit knapp zwei Jahren beobachten Experten eine neue Serie, die sich mit noch größerer Gewalt verstärkt gegen einzelne Engagierte richtet: Vor allem in Britz und Rudow werden seit Mai 2016 alle paar Monate gezielt Autos von Menschen angezündet, die sich im weitesten Sinne gegen Rechts einsetzen. Immer nachts und nur wenige Meter von den Wohnungen entfernt, in denen sie mit ihren Familien schlafen. Linke Lokalpolitiker, Kirchenmitglieder, Gewerkschafter, Flüchtlingshelfer, Mitglieder in Vereinen und Initiativen sind gleichermaßen die Opfer.

 

13 von Rechten abgefackelte Autos zählt die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) seit Mai 2016 in Neukölln, hinzu kommt ein Brandanschlag auf ein linkes Cafe und einen Wagenplatz, 15 aus dem Asphalt gerissene Stolpersteine, die an von Nazis deportierte Juden erinnern sollten, sowie Dutzende Bedrohungen durch Graffiti an Hauswänden. Vor- und Nachname von Engagierten werden dabei an die Wände der Häuser gesprüht, in denen sie leben, meist gefolgt von dem Schriftzug “=Rote Drecksau“. Ob Brandsatz oder rote Farbe, die Botschaft ist dabei immer dieselbe: Wir wissen, wo ihr wohnt. Auch zuhause seid ihr nicht vor uns sicher.

 

Der Staatsschutz hat bei den Brandstiftungen eine Gruppe von Personen aus der rechten Szene im Verdacht, die in Neukölln lebt und bereits polizeibekannt ist. Anzahl: im „unteren zweistelligen Bereich“. „Der potentielle Täterkreis ist überschaubar“, sagt Simon Brost von der MBR. Aber mit so extremen Aktionen wie dem Anzünden von Autos könne auch mit wenigen Personen maximale Aufmerksamkeit und Wirkung erzielt werden. „Die Täter wollen Engagierte verängstigen, von ihrer ehrenamtlichen Arbeit abbringen oder, wie im Falle Ostermann, demokratisches Engagement möglichst schon im Keim ersticken.“

 

Oft haben die Täter in Neukölln mehrere Ziele in einer Nacht attackiert. Die Feuer wurden dann mit nur wenigen Minuten Abstand gelegt. In der Nacht, in der Ende Januar 2017 Heinz Ostermanns erster Wagen brannte, wurde auch der Oldtimer von Detlef Fendt, Gewerkschafter im Ruhestand, in Britz angezündet. Mit seinem über Jahre selbst aufgebauten Mercedes fuhr er oft zu NPD-Kundgebungen, DGB-Fahnen am Heck, um die „Braunen zu stören“ – gewaltfrei, versteht sich, betont er. Jetzt ist von seinem geliebten Mercedes nur ein Brandfleck geblieben, eine Querstraße weiter in den Asphalt gefressen. Seitdem wollten manche Nachbarn nicht mehr neben ihm parken, erzählt der 65-Jährige. Man wisse ja nie, was passiert. Fendt selbst hat sich mit Feuerlöschern ausgerüstet und sicherheitshalber einen Stapel Holz aus seinem Vorgarten entfernt. „Das ist brauner Terror“, sagt er. „Eigentlich sind die Nachbarn gemeint. Die sollen sehen: Wenn ihr euch so benehmt, passiert euch dasselbe.“

 

Als Anfang Februar 2018 Ostermanns zweiter Wagen brennt, wird circa 20 Minuten später nur wenige Kilometer entfernt in Rudow Linkspolitiker Ferat Kocak in seinem Bett vom Feuerschein geweckt. Flammen züngeln hinauf bis zum Sims seines Schlafzimmerfensters, auch sein Auto steht in Flammen, im Carport gleich neben dem Haus. Kocak jagt seine verängstigten Eltern aus den Betten, stürzt selbst hinaus und hält mit einem Feuerlöscher den Brand vom Haus fern, bis die Feuerwehr eintrifft. Von den Einsatzkräften erfährt er: Nur einen Meter entfernt verläuft eine Gasleitung, die die gesamte Straße versorgt.

 

Seine Mutter sei zutiefst verängstigt, sie traue sich seit dem Anschlag nicht mehr aus dem Haus. Den 38-Jährigen überkommt selbst manchmal die Unsicherheit, sagt er, vor allem abends, wenn es dunkel wird. Dann schnappt er sich seine Hunde, dreht eine Runde im Garten, checkt das Schloss des Gartentors und rückt einen Zettel zurecht, den er abends an die Heckscheibe seines neuen Mietwagens klebt: „Familie Kocak is watching you! Fuck you!“

 

Buchhändler Ostermann, den es jetzt zum dritten Mal traf, ist groß und schwer wie ein Grizzly. Er spricht ruhig, zurückgenommen, sagt lieber gar nichts als zu viel. „Ich bin ein ganzes Stück weit erledigt“, sagt er. Da ist der Stress mit den Versicherungen. Die Suche nach einem neuen Auto, schon wieder. Und erneut anfangen, vorm Parken darüber nachzudenken: Wie nah am Haus soll ich mein Auto abstellen? Dabei hatte die Sorge gerade angefangen, nachzulassen. Außerdem gehört Ostermann zu den Betroffenen, die an die Öffentlichkeit gehen, die sich bei Demos und Solidaritätskundgebungen zeigen, die sich den Presseanfragen stellen. Nicht alle Opfer wagen das. Und es zehrt an den Nerven. 

 

Ostermann hat keine besondere Freude daran, mit der Presse zu reden, das spürt man. Aber es ist der einzige Weg, Aufmerksamkeit auf die Lage in Neukölln zu lenken. Denn Vertrauen in die Arbeit der Polizei hat er – wie fast alle der Angegriffenen – keines mehr. Am Anfang war das anders. Da habe er noch auf rasche Ermittlungserfolge gesetzt, erzählt der Buchhändler. Damals wurde eine sechsköpfige Sonder-Ermittlungsgruppe des Staatsschutzes namens RESIN („Rechtsextremistische Straftaten in Neukölln“) eingesetzt, nach ziemlich genau einem Jahr lassen sich die öffentlich bekanntgegebenen Erfolge mit einer Zahl zusammenfassen: null. Für Ostermann vollkommen unverständlich, vor allem bei der kleinen Anzahl potentieller Täter. „Ich kann nicht feststellen, dass die fähig sind, da jemanden festzunehmen.“

 

Am 2. Februar, gleich am Tag nach den Anschlägen auf Ostermann und Linkspolitiker Kocak, durchsuchte der Staatsschutz erstmals vier Wohnungen von Mitgliedern der rechten Szene. Laptops, Handys und Schriftstücke wurden dabei sichergestellt, berichtet der Tagesspiegel. Für Ostermann gut getimete „Spiele fürs Volk“. Hoffnung auf Ergebnisse oder sogar Festnahmen habe er dabei nicht. „Aber so lange niemand gefasst ist, wird es niemals enden.“ 

 

Genau das habe er auf einem Treffen von Betroffenen mit Lokalpolitikern auch der Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) gesagt. Die hat die Angriffe bereits mehrfach heftig verurteilt und dem Unverständnis der Betroffenen viel Verständnis entgegengebracht. Die Berliner Polizei teilt auf Nachfrage mit, die Kritik sei ihnen bekannt. Man könne Ermittlungsergebnisse nicht veröffentlichen, um die Täter nicht vorzuwarnen. Man ermittle mit Hochdruck. „Darauf können sich die Berlinerinnen und Berliner verlassen.“

 

Für Ostermann ist das kein Trost. Er wird – wie Kocak, Fendt und alle anderen Angegriffenen – weitermachen. Jetzt erst recht. Aber bevor er sich ein neues Auto anschafft, plant er den Kauf einer Garage.

 

 

 

 

 

 

Gegen 3 Uhr in der Nacht geht das Auto von Buchhändler Heinz Ostermann in Flammen auf. Unbekannte haben den Peugeot angezündet, der Wagen brennt von vorne komplett aus. Nur verrußtes Blech bleibt – und im Kofferraum eine Fuhre Bücher, verkohlt, die der Buchhändler eigentlich in seinen Laden bringen wollte. 

Ostermann liegt kaum 300 Meter entfernt im Bett, ein Anruf von der Polizei weckt ihn. Seine Nummer haben die Beamten schon lange abgespeichert. Denn der 61-Jährige wird nicht zum ersten Mal Ziel eines solchen Angriffs: Er neben seinem brennenden Wagen, die hell lodernden Flammen, die Lichter der Feuerwehr in der Nacht – für Ostermann ist das „ein Déjà-vu“. 

13,9 Prozent der Stimmen für die AfD in Neukölln

13,9 Prozent der Stimmen holte die AfD im September 2016 in Neukölln bei der Senatswahl. Ostermann schockierte das, zusammen mit anderen in seiner Branche habe er gedacht: „Wir müssen da was machen.“ Also gründeten sie die Initiative „Neuköllner Buchhändler gegen Rechtspopulismus und Rassismus“, die Lesungen und Vorträge zu dem Thema ausrichtet. Bei der ersten Veranstaltung in Ostermanns Buchhandlung Leporello in Rudow kamen 50 Zuhörer.

Gegen 3 Uhr in der Nacht geht das Auto von Heinz Ostermann in Flammen auf. Unbekannte haben den Peugeot angezündet, der Wagen brennt von vorne komplett aus, nur verrußtes Blech bleibt. Und im Kofferraum eine Fuhre Bücher, verkohlt, die der Buchhändler in seinen Laden bringen wollte.

Ostermann liegt 300 Meter entfernt im Bett, ein Anruf der Polizei weckt ihn. Seine Nummer haben die Beamten schon abgespeichert, denn der 61-Jährige wird nicht zum ersten Mal Ziel eines solchen Angriffs. Er neben seinem brennenden Wagen, die Lichter der Feuerwehr in der Nacht – für Heinz Ostermann ist das „ein Déjà-vu“.

Heinz Ostermann

Heinz Ostermanns Auto wurde zum zweiten Mal angezündet.

Foto:

Annika Leister

13,9 Prozent der Stimmen holte die AfD 2016 in Neukölln bei der Senatswahl. Ostermann schockierte das, zusammen mit anderen in seiner Branche habe er gedacht: „Wir müssen was machen.“ Also gründeten sie die Initiative „Neuköllner Buchhändler gegen Rechtspopulismus und Rassismus“ und organisierten Lesungen zum Thema.

Ein Schritt, der für Ostermann schwere Folgen hatte. Erst flogen Steine in die Scheiben seines Kiezladens. Ostermann ließ Sicherheitsglas einbauen, gitterte Fenster ein und tauschte die Schlösser aus. Wenige Wochen darauf brannte sein Ford Focus, diesmal vor seiner Privatadresse in Neukölln-Britz. Totalschaden Nummer 1. Nachbarn und Freunde sammelten Spenden, Ostermann kaufte von dem Geld einen Peugeot und spendete den Rest. Ungefähr elf Monate konnte er ihn fahren. Dann brannte in der Nacht zum 1. Februar auch der Peugeot.

Für Ostermann steht fest, dass die Täter aus der rechten Szene kommen. Auch der Staatsschutz ermittelt in der Szene. Schon von 2008 bis 2012 hatte es eine Welle rechter Anschläge in Neukölln gegeben, bei der die Täter Vereinshäuser und linke Jugendzentren angriffen. Seit knapp zwei Jahren beobachten Experten eine neue Serie, die sich verstärkt gegen Einzelne richtet: Vor allem in Britz und Rudow werden seit Mai 2016 gezielt Autos von Menschen angezündet, die sich im weitesten Sinne gegen Rechts einsetzen. Gewerkschafter, Flüchtlingshelfer und Mitglieder in Vereinen sind gleichermaßen die Opfer.

Aus dem Asphalt gerissene Stolpersteine

13 von Rechten abgefackelte Autos zählt die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) seit Mai 2016 in Neukölln. Hinzu kommen ein Brandanschlag auf ein Café und einen Wagenplatz, 15 aus dem Asphalt gerissene Stolpersteine, die an deportierte Juden erinnern, sowie zahlreiche Bedrohungen durch Graffiti an Hauswänden.

Der Staatsschutz verdächtigt bei den Brandstiftungen eine Gruppe von Personen aus der rechten Szene, die bereits polizeibekannt ist. Anzahl: im „unteren zweistelligen Bereich“. „Der potenzielle Täterkreis ist überschaubar“, sagt Simon Brost von der MBR. Aber mit extremen Aktionen wie dem Anzünden von Autos könne auch mit wenigen Personen maximale Aufmerksamkeit erzielt werden. „Die Täter wollen Engagierte verängstigen, von ihrer Arbeit abbringen oder, wie im Falle Ostermann, demokratisches Engagement möglichst schon im Keim ersticken.“

„Das ist brauner Terror“

Oft haben die Täter in Neukölln mehrere Ziele in einer Nacht attackiert. Die Feuer wurden mit nur wenigen Minuten Abstand gelegt. In der Nacht, in der Ende Januar 2017 Heinz Ostermanns erster Wagen brannte, wurde auch der Oldtimer von Detlef Fendt, Gewerkschafter im Ruhestand, in Britz angezündet. Mit seinem Mercedes fuhr er oft zu NPD-Kundgebungen, um die „Braunen zu stören“. Jetzt ist von seinem geliebten Mercedes nur ein Brandfleck geblieben, eine Querstraße weiter in den Asphalt gefressen. Seitdem wollten manche Nachbarn nicht mehr neben ihm parken, erzählt der 65-Jährige. Fendt selbst hat sich mit Feuerlöschern ausgerüstet. „Das ist brauner Terror“, sagt er. „Eigentlich sind die Nachbarn gemeint. Die sollen sehen: Wenn ihr euch so benehmt, passiert euch dasselbe.“

Als Anfang Februar 2018 Ostermanns zweiter Wagen brennt, wird circa 20 Minuten später in Rudow auch Linkspolitiker Ferat Kocak im Bett vom Feuerschein geweckt. Sein Auto steht ebenfalls in Flammen, im Carport gleich neben dem Haus. Kocak jagt seine verängstigten Eltern aus den Betten, stürzt selbst hinaus und hält mit einem Feuerlöscher den Brand vom Haus fern, bis die Feuerwehr eintrifft. Von den Einsatzkräften erfährt er: Nur einen Meter entfernt verläuft eine Gasleitung, die die gesamte Straße versorgt.

Seine Mutter traue sich seit dem Anschlag nicht mehr aus dem Haus. Den 38-Jährigen überkommt selbst manchmal Unsicherheit, sagt er, vor allem abends, wenn es dunkel wird. Dann schnappt er sich seine Hunde, dreht eine Runde im Garten, checkt das Schloss des Gartentors und rückt einen Zettel zurecht, den er abends an die Heckscheibe seines neuen Mietwagens klebt: „Familie Kocak is watching you! Fuck you!“

Kein Vertrauen in die Polizei

Buchhändler Ostermann, den es jetzt zum dritten Mal traf, spricht ruhig, sagt lieber gar nichts als zu viel. „Ich bin ein Stück weit erledigt“, sagt er jetzt. Da ist der Stress mit den Versicherungen. Die Suche nach einem neuen Auto, schon wieder. Und erneut anfangen, vorm Parken darüber nachzudenken: Wie nah am Haus soll ich mein Auto abstellen? Dabei hatte die Sorge gerade angefangen, nachzulassen. Außerdem gehört Ostermann zu den Betroffenen, die sich bei Demos zeigen, die sich der Presse stellen. Nicht alle wagen das. Und es zehrt an den Nerven.

Ostermann hat keine Freude daran, mit der Presse zu reden, das spürt man. Aber es ist der einzige Weg, Aufmerksamkeit zu generieren. Vertrauen in die Polizei hat er keines mehr. Am Anfang war das anders. Da habe er noch auf rasche Erfolge gesetzt, erzählt er. Damals wurde eine sechsköpfige Sonder-Ermittlungsgruppe namens RESIN („Rechtsextremistische Straftaten in Neukölln“) eingesetzt, nach genau einem Jahr lassen sich die Erfolge mit einer Zahl zusammenfassen: null. Für Ostermann vollkommen unverständlich: „Ich kann nicht feststellen, dass die Polizei fähig ist, da jemanden festzunehmen.“

Täter dürfen nicht vorgewarnt werden

Am 2. Februar, gleich am Tag nach den jüngsten Anschlägen, durchsuchte der Staatsschutz erstmals vier Wohnungen von Mitgliedern der rechten Szene. Laptops, Handys und Schriftstücke wurden dabei sichergestellt, berichtet der Tagesspiegel. Für Ostermann gut getimte „Spiele fürs Volk“. Hoffnung auf Festnahmen habe er dabei nicht. „Aber so lange niemand gefasst ist, wird es niemals enden.“

Das habe er auf einem Treffen von Angegriffenen mit Lokalpolitikern auch Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) gesagt. Die hat die Angriffe bereits verurteilt und dem Unverständnis der Betroffenen viel Verständnis entgegengebracht. Die Berliner Polizei teilt mit, die Kritik sei bekannt. Man könne Ergebnisse nicht veröffentlichen, um die Täter nicht vorzuwarnen. Aber man ermittle mit Hochdruck. Für Ostermann ist das kein Trost. Er wird – wie Kocak, Fendt und alle anderen Angegriffenen – weitermachen. Jetzt erst recht.

Aber bevor er sich ein neues Auto anschafft, plant er den Kauf einer Garage.

– Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/29696756 ©2018