Eine Frage des Abstands

Es ist 10 Uhr morgens und drückend warm, obwohl es geregnet hat. Die Straße vor der Arena Leipzig glänzt nass. In langen Schlangen rund um die Arena stehen oder sitzen rund 1500 Menschen. Sie wollen zum ersten Konzert, das hier seit fünf Monaten stattfindet. Zu einem der größten Indoor-Konzerte in ganz Deutschland seit Beginn der Corona-Krise. Viele tragen schon draußen die vor Ansteckung schützenden FFP2-Masken, die an den Eingängen verteilt werden. Fast alle halten Abstand zum Vordermann. Während sie warten, lassen sie sich von „Hygiene-Stewards“ in roten Shirts bereitwillig an der Stirn Fieber messen.

 

Einen Corona-Test haben die Teilnehmer bereits am Donnerstag gemacht und eingesendet. In weniger als 24 Stunden wurden insgesamt 1900 Proben analysiert, Presse und Personal inklusive. Eine Teilnehmerin musste wegen eines positiven Tests ausgeschlossen werden, teilen die Veranstalter später mit.

 

Sabrina Roth und Colin Alder stehen vorne in der Schlange, sie sind früh aus Hannover angereist. Weil ihr Testergebnis auf sich warten ließ, diskutierten sie am Abend zuvor noch, ob sie sich die Tankfüllung auf gut Glück leisten können. Das Paar hat ein Unternehmen für Veranstaltungstechnik in Hannover, beide tragen schwarze Firmen-Shirts. Seit fünf Monaten sind sie zwangsweise arbeitslos. Jetzt sind sie froh, das Geld investiert zu haben. Ihre Blicke schweifen über die Schlangen vor der Arena. Für den 35-jährigen Alder ist der heutige Tag ein Hoffnungsschimmer in absoluter Perspektivlosigkeit: „Es ist ein Signal gegen das Stigma, das zurzeit auf Großveranstaltungen liegt. Es soll der Politik zeigen, dass es geht – und wie es gehen kann.“

 

„Restart 19“ heißt das Projekt, das die Hoffnungen der Veranstaltungsbranche weckt wie wenig bisher in der Corona-Krise. Journalisten aus ganz Deutschland, aus Frankreich, den USA, sogar aus Mexiko sind gekommen. Popsänger Tim Bendzko wird über acht Stunden verteilt mehrere Minikonzerte geben. Doch Bendzko ist nur das Lockmittel, eine Notwendigkeit und ein kleines Dankeschön, eigentlich Nebensache. Der wahre Star an diesem Sonnabend ist Stefan Moritz, Infektiologe am Universitätsklinikum Halle.

 

Moritz sagt, er habe vor ein paar Monaten, nach einem eindrücklichen Gespräch mit den Köpfen des Leipziger Handball-Vereins SC SHfK, erstmals verstanden, was Corona für die Veranstaltungsbranche – für Vereine, Messen, Konzert- und Musicalveranstalter, Clubs, Künstler, Musiker, Techniker, also für Millionen Betroffene – bedeutet: das unweigerliche Aus für viele, spätestens zum Ende des Jahres. Der 46-Jährige hat Studien gewälzt und dabei festgestellt, dass es zwar Untersuchungen gibt, die anhand vorliegender Daten versuchen, nach Ausbrüchen Infektionsketten nachzuvollziehen. Doch geleitete Großversuche, allein zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn aufgestellt, hätten gefehlt.

 

„Simulationen zum Übertragungsrisiko von Covid-19 im Rahmen von Sport- und Kultur-Großveranstaltungen in geschlossenen Räumen“, heißt die Beschreibung des Versuchs offiziell, den Moritz’ 20-köpfiges Uni-Team in Zusammenarbeit mit der Leipziger Arena und dem Handballverein wagt, finanziell getragen von den Ländern Sachsen und Sachsen-Anhalt. Mit süddeutschem Akzent und einigen Scherzen dirigiert Moritz die Teilnehmer von der Bühne aus in drei Versuchen auf ihre Plätze im bestuhlten Innenraum und auf den Tribünen. Im ersten Szenario ohne Abstand, Schulter an Schulter, so nah an der Bühne wie möglich. „Schön nah aneinander!“, ruft Moritz ins Mikrofon. Im zweiten Szenario mit je einem Sitzplatz Abstand zwischen Haushalten. Im dritten Szenario mit mindestens 1,5 Metern, also drei Sitzen Abstand. Coronabedingungen.

 

Die Teilnehmer tragen drinnen ständig FFP2-Masken, die Aerosol-Verbreitung wird wegen der hohen Ansteckungsgefahr nur in aufwendigen Simulationen am Computer berechnet. Erfasst werden die Kontakte: Jeder Teilnehmer trägt einen kleinen Tracker, der mehrmals pro Sekunde meldet, wie nah er sich während der drei Szenarien an anderen Teilnehmern befindet. Auch in der Halle, den Toiletten- und Eingangsbereichen sind Tracker verteilt. Wird ein bestimmter Abstand zwischen Besuchern unterschritten, verzeichnen die Daten – je nach Nähe – ein „Ereignis“ oder einen „Kontakt“. An den Türen wird Desinfektionsmittel verteilt, das im Schwarzlicht leuchtet. Mögliche Herde für Schmierinfektionen sollen so nach der Veranstaltung identifiziert werden können.

 

Es ist ein pragmatisches und hoch politisches Experiment, durchgeführt mit Blick auf die Nöte einer der Top-Ten-Wirtschaftsbranchen in Deutschland. Die Arena Leipzig kann bei Handballspielen bis zu 6000 Zuschauer fassen, erzählt Geschäftsführer Matthias Kölmel am Rande des Versuchs. Bei einem Stehkonzert sind etwas mehr als 12.000 Zuschauer möglich. Unter den Bedingungen des Corona-Hygienekonzepts, das Kölmel gerade beim Gesundheitsamt eingereicht hat, passen maximal 1700 Leute in die Arena. „Dann müssen wir 16 Veranstaltungen pro Monat machen – um am Ende bei Null rauszukommen.“

 

Dabei sind zurzeit nicht mehr nur strikte Verbote das Problem der Veranstalter. In vielen Bundesländern sind bereits jetzt Veranstaltungen im Freien mit bis zu 1000 oder 1500 Besuchern erlaubt. Ab 1. September dürfen es in Berlin bis zu 5000 Besucher draußen sein, drinnen dann 750. Das Problem sind aber oft noch fehlende Hygienepläne und, aus rein wirtschaftlicher Sicht, vor allem ab Herbst, die Abstandsregeln. Viele Veranstalter schreiben Verluste, wenn sie die Räume nicht voll machen dürfen, zumindest voller als zurzeit. Inwiefern sich das mit dem Infektionsrisiko vereinen lässt, ist aber unklar.

 

So groß die Zahl der Betroffenen, so dringend der Erkenntnisgewinn, so umstritten ist Moritz’ Versuch. Auch mit negativem Testergebnis ist nicht zu 100 Prozent sicher, dass die Teilnehmer alle negativ sind. Sie können sich erst am Donnerstag oder bereits vor Tagen angesteckt haben, ohne dass der Test ausschlägt. Der Test sei deswegen nur ein „Baustein“ der Sicherheitsstrategie, betont Stefan Moritz. Zwingend sei auch die FFP-2-Maskenpflicht. „Sicherheit steht an allererster Stelle.“ Doch: Eine nochmalige Testung der Teilnehmer nach der Veranstaltung ist laut Moritz nicht vorgesehen. Ob der Versuch selbst für Infektionen gesorgt hat, wird so nicht leicht festzustellen sein.

 

Viel Kritik, auch von Leipzigern, hat Moritz vorab erhalten. Am Freitag verschickten Unbekannte von einer E-Mail-Adresse „gabi.mag.kaese“ außerdem eine Mail an alle akkreditierten Pressevertreter mit einer „Handvoll Fragen“, die „mich kritisch über den Sinn der Veranstaltung nachdenken lassen“. Wie Gabi.Mag.Käse an die Adressen der Journalisten gekommen ist, können die Vertreter der Universität Halle bisher nicht beantworten.

Als Signal kann auch die Teilnehmerzahl gewertet werden: 4000 wollte Moritz ursprünglich haben. Die Anmeldefrist wurde bis zum Tag vor dem Konzert verlängert – dennoch haben sich nur 2200 angemeldet. Rund 1500 seien am Ende tatsächlich gekommen. Moritz verweist bei der Pressekonferenz darauf, dass der Versuch eben kein normales Konzert, sondern ein Tag Arbeit sei. Dass es geregnet habe. Dass Sorge vor Infektion bestehen könnte, räumt er als Letztes ein. „Ich kann über die Gründe nur spekulieren“, sagt er dann.

 

Die mögliche Sorge vor Infektionen im Publikum steht diametral zum Interesse der Veranstaltungsbranche, viele Plätze zu besetzen. Zentrale Fragen, die Moritz’ auf quantitative Daten ausgerichtete Studie nicht erhebt, sind: Fühlen sich die Teilnehmer sicher? In welchem Szenario funktioniert das, was sie da machen, als Konzert – zu dem sie auch Eintritt zahlen würden? Und halten sie sich an die Regeln?

 

Die Presse hat ihren eigenen Eingang und darf in der Halle, bis auf kurze Ausnahmen, nur auf weite Distanz von hinten filmen und fotografieren. Teilnehmer sollen im Außenbereich interviewt werden. Der Versuch, eng zu begleiten, ist so unmöglich. Über Szenario 1 – also ganz ohne Abstand – sagen alle Teilnehmer, mit denen die Berliner Zeitung vor der Halle gesprochen hat: „Ungewöhnlich“, „Zu eng zurzeit“ oder „Das geht einfach nicht“. Szenario 2 – mit einem Sitzplatz Abstand – können sich viele hingegen vorstellen.

 

Sie habe „keinerlei Sicherheitsbedenken“ bei Szenario 2, sagt Juliane Eiserbeck – wenn alle Teilnehmer zuvor getestet würden. Die 31-Jährige trägt Bandshirt und steht nach Durchlauf 2 mit einem Freund in der Schlange für Currywurst an. Sie arbeitet in der Stadtverwaltung und ist leidenschaftliche Konzertgängerin. Metal, Alternative. Bendzko ist da eher das Grauen. Doch Eiserbeck und ihr Begleiter im Iron-Maiden-Shirt wollen „ihren Beitrag leisten“.

 

Szenario 2 sei angenehm gewesen, sagen sie, es sei auch etwas Konzertstimmung aufgekommen. Sitzkonzerte aber taugten vermutlich nicht für alle Musikrichtungen. Und: Unter der FFP2-Maske schwitze man schneller als unter einem Mund-Nasen-Schutz aus Stoff, besonders in der warmen Arena. „Ich fände es schon sehr belastend, wenn das bei Konzerten in Zukunft Pflicht wäre“, sagt Eiserbeck.

 

Die Studie könne nur ein erster Schritt sein, das betont Stefan Moritz am Ende der Veranstaltung auf der Bühne. Die Auswertung der Daten brauche mindestens vier, eher sechs Wochen. Dazu laufen die Aerosol-Simulationen, die noch wichtiger sind als der aufsehenerregende Kontaktversuch heute. Ob Handlungsanweisungen oder auch nur eine Veröffentlichung daraus entstehen, sei noch ungewiss, sagt Moritz. Seine Hoffnung: Aus drei Ländern – Australien, Belgien und Dänemark – hätten sich Forscherteams gemeldet, die Ähnliches planen. Mit ihnen wolle man zusammenarbeiten.

 

Noch einmal kommt Tim Bendzko für einige Songs auf die Bühne. Das Publikum sitzt unter Corona-Bedingungen auf 1,5 Meter Abstand. Die Band spielt den Radio-Hit „Keine Maschine“, Bendzko singt immer wieder die Zeilen: „Einfach so weitermachen ist keine Option, ich bin doch keine Maschine, ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut.“ Fast jeder im Publikum steht auf, schwenkt die Arme oder tanzt ausgelassen an seinem Platz. Zum ersten Mal an diesem Tag. Ob es am Warmlaufen, am Song, am Text, am Abstand liegt? Das bleibt Spekulation.

 

Berliner Zeitung, 23. August 2020, online hier 

Gegen 3 Uhr in der Nacht geht das Auto von Buchhändler Heinz Ostermann in Flammen auf. Unbekannte haben den Peugeot angezündet, der Wagen brennt von vorne komplett aus. Nur verrußtes Blech bleibt – und im Kofferraum eine Fuhre Bücher, verkohlt, die der Buchhändler eigentlich in seinen Laden bringen wollte. 

Ostermann liegt kaum 300 Meter entfernt im Bett, ein Anruf von der Polizei weckt ihn. Seine Nummer haben die Beamten schon lange abgespeichert. Denn der 61-Jährige wird nicht zum ersten Mal Ziel eines solchen Angriffs: Er neben seinem brennenden Wagen, die hell lodernden Flammen, die Lichter der Feuerwehr in der Nacht – für Ostermann ist das „ein Déjà-vu“. 

13,9 Prozent der Stimmen für die AfD in Neukölln

13,9 Prozent der Stimmen holte die AfD im September 2016 in Neukölln bei der Senatswahl. Ostermann schockierte das, zusammen mit anderen in seiner Branche habe er gedacht: „Wir müssen da was machen.“ Also gründeten sie die Initiative „Neuköllner Buchhändler gegen Rechtspopulismus und Rassismus“, die Lesungen und Vorträge zu dem Thema ausrichtet. Bei der ersten Veranstaltung in Ostermanns Buchhandlung Leporello in Rudow kamen 50 Zuhörer.

Gegen 3 Uhr in der Nacht geht das Auto von Heinz Ostermann in Flammen auf. Unbekannte haben den Peugeot angezündet, der Wagen brennt von vorne komplett aus, nur verrußtes Blech bleibt. Und im Kofferraum eine Fuhre Bücher, verkohlt, die der Buchhändler in seinen Laden bringen wollte.

Ostermann liegt 300 Meter entfernt im Bett, ein Anruf der Polizei weckt ihn. Seine Nummer haben die Beamten schon abgespeichert, denn der 61-Jährige wird nicht zum ersten Mal Ziel eines solchen Angriffs. Er neben seinem brennenden Wagen, die Lichter der Feuerwehr in der Nacht – für Heinz Ostermann ist das „ein Déjà-vu“.

Heinz Ostermann

Heinz Ostermanns Auto wurde zum zweiten Mal angezündet.

Foto:

Annika Leister

13,9 Prozent der Stimmen holte die AfD 2016 in Neukölln bei der Senatswahl. Ostermann schockierte das, zusammen mit anderen in seiner Branche habe er gedacht: „Wir müssen was machen.“ Also gründeten sie die Initiative „Neuköllner Buchhändler gegen Rechtspopulismus und Rassismus“ und organisierten Lesungen zum Thema.

Ein Schritt, der für Ostermann schwere Folgen hatte. Erst flogen Steine in die Scheiben seines Kiezladens. Ostermann ließ Sicherheitsglas einbauen, gitterte Fenster ein und tauschte die Schlösser aus. Wenige Wochen darauf brannte sein Ford Focus, diesmal vor seiner Privatadresse in Neukölln-Britz. Totalschaden Nummer 1. Nachbarn und Freunde sammelten Spenden, Ostermann kaufte von dem Geld einen Peugeot und spendete den Rest. Ungefähr elf Monate konnte er ihn fahren. Dann brannte in der Nacht zum 1. Februar auch der Peugeot.

Für Ostermann steht fest, dass die Täter aus der rechten Szene kommen. Auch der Staatsschutz ermittelt in der Szene. Schon von 2008 bis 2012 hatte es eine Welle rechter Anschläge in Neukölln gegeben, bei der die Täter Vereinshäuser und linke Jugendzentren angriffen. Seit knapp zwei Jahren beobachten Experten eine neue Serie, die sich verstärkt gegen Einzelne richtet: Vor allem in Britz und Rudow werden seit Mai 2016 gezielt Autos von Menschen angezündet, die sich im weitesten Sinne gegen Rechts einsetzen. Gewerkschafter, Flüchtlingshelfer und Mitglieder in Vereinen sind gleichermaßen die Opfer.

Aus dem Asphalt gerissene Stolpersteine

13 von Rechten abgefackelte Autos zählt die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) seit Mai 2016 in Neukölln. Hinzu kommen ein Brandanschlag auf ein Café und einen Wagenplatz, 15 aus dem Asphalt gerissene Stolpersteine, die an deportierte Juden erinnern, sowie zahlreiche Bedrohungen durch Graffiti an Hauswänden.

Der Staatsschutz verdächtigt bei den Brandstiftungen eine Gruppe von Personen aus der rechten Szene, die bereits polizeibekannt ist. Anzahl: im „unteren zweistelligen Bereich“. „Der potenzielle Täterkreis ist überschaubar“, sagt Simon Brost von der MBR. Aber mit extremen Aktionen wie dem Anzünden von Autos könne auch mit wenigen Personen maximale Aufmerksamkeit erzielt werden. „Die Täter wollen Engagierte verängstigen, von ihrer Arbeit abbringen oder, wie im Falle Ostermann, demokratisches Engagement möglichst schon im Keim ersticken.“

„Das ist brauner Terror“

Oft haben die Täter in Neukölln mehrere Ziele in einer Nacht attackiert. Die Feuer wurden mit nur wenigen Minuten Abstand gelegt. In der Nacht, in der Ende Januar 2017 Heinz Ostermanns erster Wagen brannte, wurde auch der Oldtimer von Detlef Fendt, Gewerkschafter im Ruhestand, in Britz angezündet. Mit seinem Mercedes fuhr er oft zu NPD-Kundgebungen, um die „Braunen zu stören“. Jetzt ist von seinem geliebten Mercedes nur ein Brandfleck geblieben, eine Querstraße weiter in den Asphalt gefressen. Seitdem wollten manche Nachbarn nicht mehr neben ihm parken, erzählt der 65-Jährige. Fendt selbst hat sich mit Feuerlöschern ausgerüstet. „Das ist brauner Terror“, sagt er. „Eigentlich sind die Nachbarn gemeint. Die sollen sehen: Wenn ihr euch so benehmt, passiert euch dasselbe.“

Als Anfang Februar 2018 Ostermanns zweiter Wagen brennt, wird circa 20 Minuten später in Rudow auch Linkspolitiker Ferat Kocak im Bett vom Feuerschein geweckt. Sein Auto steht ebenfalls in Flammen, im Carport gleich neben dem Haus. Kocak jagt seine verängstigten Eltern aus den Betten, stürzt selbst hinaus und hält mit einem Feuerlöscher den Brand vom Haus fern, bis die Feuerwehr eintrifft. Von den Einsatzkräften erfährt er: Nur einen Meter entfernt verläuft eine Gasleitung, die die gesamte Straße versorgt.

Seine Mutter traue sich seit dem Anschlag nicht mehr aus dem Haus. Den 38-Jährigen überkommt selbst manchmal Unsicherheit, sagt er, vor allem abends, wenn es dunkel wird. Dann schnappt er sich seine Hunde, dreht eine Runde im Garten, checkt das Schloss des Gartentors und rückt einen Zettel zurecht, den er abends an die Heckscheibe seines neuen Mietwagens klebt: „Familie Kocak is watching you! Fuck you!“

Kein Vertrauen in die Polizei

Buchhändler Ostermann, den es jetzt zum dritten Mal traf, spricht ruhig, sagt lieber gar nichts als zu viel. „Ich bin ein Stück weit erledigt“, sagt er jetzt. Da ist der Stress mit den Versicherungen. Die Suche nach einem neuen Auto, schon wieder. Und erneut anfangen, vorm Parken darüber nachzudenken: Wie nah am Haus soll ich mein Auto abstellen? Dabei hatte die Sorge gerade angefangen, nachzulassen. Außerdem gehört Ostermann zu den Betroffenen, die sich bei Demos zeigen, die sich der Presse stellen. Nicht alle wagen das. Und es zehrt an den Nerven.

Ostermann hat keine Freude daran, mit der Presse zu reden, das spürt man. Aber es ist der einzige Weg, Aufmerksamkeit zu generieren. Vertrauen in die Polizei hat er keines mehr. Am Anfang war das anders. Da habe er noch auf rasche Erfolge gesetzt, erzählt er. Damals wurde eine sechsköpfige Sonder-Ermittlungsgruppe namens RESIN („Rechtsextremistische Straftaten in Neukölln“) eingesetzt, nach genau einem Jahr lassen sich die Erfolge mit einer Zahl zusammenfassen: null. Für Ostermann vollkommen unverständlich: „Ich kann nicht feststellen, dass die Polizei fähig ist, da jemanden festzunehmen.“

Täter dürfen nicht vorgewarnt werden

Am 2. Februar, gleich am Tag nach den jüngsten Anschlägen, durchsuchte der Staatsschutz erstmals vier Wohnungen von Mitgliedern der rechten Szene. Laptops, Handys und Schriftstücke wurden dabei sichergestellt, berichtet der Tagesspiegel. Für Ostermann gut getimte „Spiele fürs Volk“. Hoffnung auf Festnahmen habe er dabei nicht. „Aber so lange niemand gefasst ist, wird es niemals enden.“

Das habe er auf einem Treffen von Angegriffenen mit Lokalpolitikern auch Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) gesagt. Die hat die Angriffe bereits verurteilt und dem Unverständnis der Betroffenen viel Verständnis entgegengebracht. Die Berliner Polizei teilt mit, die Kritik sei bekannt. Man könne Ergebnisse nicht veröffentlichen, um die Täter nicht vorzuwarnen. Aber man ermittle mit Hochdruck. Für Ostermann ist das kein Trost. Er wird – wie Kocak, Fendt und alle anderen Angegriffenen – weitermachen. Jetzt erst recht.

Aber bevor er sich ein neues Auto anschafft, plant er den Kauf einer Garage.

– Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/29696756 ©2018