Die Gier nach mehr

Die Scheiben der Spielhalle sind mit blauer Folie abgeklebt. Vom Bürgersteig aus ist sie absolut blickdicht – wie vom Jugendschutz-Gesetz verlangt. Was die kleine Halle in Sülz von außen so unattraktiv wie möglich machen soll, verleiht ihr von innen eine eigentümliche Gemütlichkeit. Die Welt da draußen, wir hier drin.

 

Vom Klischee der verqualmten Spielhölle sind der Zigarettenautomat neben der Theke und ein muffiger Geruch in der Luft geblieben. Doch hier herrscht schon lange Rauchverbot. Der Boden ist mit rotem Teppich ausgelegt, es gibt Kaffee und alkoholfreie Getränke umsonst. Nur fünf Automaten stehen in dem kleinen Raum, zwei davon sind besetzt. Ihr leises Bimmeln und Rattern bricht nie ab. Es wird manchmal übertönt vom Flatscreen-Fernseher an der Wand, auf dem sich die dunkelhaarige Bedienung eine Soap anschaut.

 

Die Schiebetür öffnet sich lautlos, ein Mann im Trainingsanzug kommt herein. Ein kurzer Stopp nach dem Joggen. Er wirft ein „Hallo“ in die Runde, dehnt sich ein letztes Mal und geht zielstrebig auf den nächsten Automaten zu. Die beiden Männer, die schon sitzen, blicken nur kurz von ihren Displays auf, grüßen. Man kennt sich.

 

Zumindest gut genug, um über das Wichtigste zu plaudern: Geld. Die Zwei stellen ihre Automaten auf „Autostart“, so dass die Walzen sich von alleine drehen. Während sie weiter auf die zuckenden Bilder von Pflaumen und Pharaonenköpfen starren, unterhalten sie sich darüber, wie teuer die Selbstständigkeit ist, warum Schwarzarbeit zu riskant ist, welche Fußballspiele als nächstes eine Wette lohnen, wo Podolski wohnt und wie viel Miete der wohl zahlt. „Wie läuft’s?“, fragt der Schwarzhaarige schließlich und nickt in Richtung Automat. Schlecht, antwortet der Grauhaarige. Am Ende verliere man doch immer. „Aber wenn du dann doch mal 400 Euro gewinnst…“, sagt der Schwarzhaarige. Also noch einmal Geld einwerfen, noch ein paar Versuche. Auch der Jogger wird von dieser Hoffnung getrieben: Er weitet sein Spiel auf drei Automaten aus, läuft nervös von Gerät zu Gerät, schmeißt immer wieder Geld nach, drückt immer wieder „Autostart“ und kommt leise fluchend immer wieder zu demselben Schluss: „Scheiße!“

 

Darauf zu hoffen, nur einen Knopfdruck vom Jackpot entfernt zu sein, ist für Dauerspieler oft fatal. Denn im System Glücksspiel zählen sie von vorneherein zu den Verlierern. Trotzdem zieht es immer mehr Deutsche an die Automaten, in den vergangenen sechs Jahren ist der Anteil ihrer Nutzer an der Gesamtbevölkerung von 2,2 auf 3,7 Prozent gestiegen – während andere Glücksspiele wie Lotto und Sportwetten ständig an Zulauf verlieren. Eine Spurensuche auf der Düsseldorfer Automaten-Messe und bei der Suchtberatung.

 

DIE BETREIBER

Friedrich Fusenich ist seit 30 Jahren Automatenbetreiber, auch „Aufsteller“ genannt. Und das mit Leidenschaft. Er bestückt mit seinen Maschinen Kneipen und Imbissbuden in NRW und Rheinland-Pfalz. Alle zwei Wochen macht er die Runde, leert die Automaten und tritt ein paar Prozente an die Wirte ab. Auf der Messe in Düsseldorf ist der Mittfünfziger auf der Suche nach „neuen Geldspielen“. An seinem neuen Favoriten, einem Automaten namens „Magic Mirror“, spielt Fusenich gerade eine Testrunde im Demo-Modus. Eine blonde Frau mit Krone lächelt von dem Display über den Knöpfen Start und Risiko, die Symbole auf den Walzen entspringen der Märchenwelt: Zauberbücher, Einhörner, Spiegel. Ein Gerät kostet hier zwischen 3000 und 7000 Euro.

 

Ein guter Automat, sagt Fusenich lächelnd, müsse schön sein wie eine Frau. Und wie ein Auto: „Billig, aber gut“. Dabei streicht er mit beiden Händen über die Wölbungen des „Magic Mirror“. Man müsse doch nur hinschauen, sagt Fusenich und deutet auf den Automaten nebenan, der flach und gerade an der Wand klebt. „Das ist doch kein Vergleich!“ Wichtig sei außerdem das Fach für die Eingabe von Geldscheinen, das beim „Magic Mirror“ gleich auf Hüfthöhe neben den Knöpfen wartet. Schließlich hätten die Leute oft kein Kleingeld dabei.

 

Man dürfe aber nicht zu gierig sein, sagt Fusenich. „Der Automat muss genug werfen, sonst kommen die Leute nicht mehr wieder.“ Das habe er mit der Zeit lernen müssen. „Das ist ein Geben und Nehmen.“

 

Wie viel er den Wirten abtritt? Wie viele Automaten er über zwei Bundesländer verteilt hat? Wie viel Gewinn er bei diesem „Geben und Nehmen“ macht? Fusenich lächelt unablässig weiter, zuckt die Schultern und sagt auf jede Frage: „Das hab’ ich vergessen.“

 

Doch er ist überzeugt davon, dass seine Branche zu Unrecht so heftig kritisiert wird. Kaffeetrinken mache schließlich auch süchtig. „Der eine geht ins Fitnessstudio, der nächste kauft Kleidung. Das ist eben das Glück des kleinen Mannes“, sagt er und streicht dabei noch einmal sanft über die Knöpfe des Automaten, ohne sie zu drücken.

 

DIE HERSTELLER

Auch die Angestellten der Hersteller ziehen gerne Vergleiche. Besonders häufig zwischen ihren Maschinen und Alkohol. Der könne schließlich auch süchtig machen, trotzdem sei er in jeder Bar erhältlich. Unterhaltung für Erwachsene eben. „Aber wir sind immer die Teufel, die alle süchtig machen“, sagt der Mitarbeiter eines Geräteproduzenten auf der Düsseldorfer Messe. Dabei könnten Spieler beim „kleinen Spiel“ am Automaten nur geringe Summe setzen. Am Black-Jack- oder Roulette-Tisch im Casino, also beim „großen Spiel“, seien die Verluste viel höher.

 

Tatsächlich sind die Geldspielautomaten vermeintlich streng reguliert, weil die Gefahr, süchtig zu werden, bei ihnen besonders groß ist. Deswegen gelten einige Regeln zum Schutz der Spieler: Sie dürfen eigentlich nur 20 Cent pro Spiel einsetzen, das bedeutet alle fünf Sekunden, maximal 500 Euro in der Stunde gewinnen und 80 Euro verlieren. Ob diese Regeln von jedem Spiel, das neu auf den Markt kommt, eingehalten werden, überprüft die Physikalisch-Technische Bundesanstalt.

 

Doch die Glücksspiel-Industrie umgeht den Spieler-Schutz schon lange. Inzwischen wird auf allen Automaten nicht um Geld, sondern um Punkte gespielt. So kann ein Spieler auch mehr Geld in den Automaten stecken, alle fünf Sekunden werden 20 Cent von seiner Geld- auf die Punktanzeige umgebucht. Die gesetzliche Regelung ist erfüllt und der Spieler kann dennoch in wenigen Minuten die gesamten 80 Euro für eine Stunde verlieren.

 

Danach macht der Automat eine Pause. Und der Spieler wechselt in der Regel einfach an den nächsten, wenn er nicht ohnehin an mehreren Geräten spielt. Das ist keine Ausnahme. In Extremfällen wird an bis zu zehn Automaten gleichzeitig gespielt. Die Taste „Auto-Start“ ermöglicht das ganz einfach: Einmal wird der Punkt-Einsatz pro Spiel festgelegt, danach einmal das Knöpfchen gedrückt, und das Gerät spielt, bis das Konto leer ist – oder der Jackpot geknackt.

 

Da setzt der nächste Trick an: Der maximale Jackpot an einem Automaten, den der grauhaarige Angestellte des Herstellers vorstellt, beträgt 1000 Euro. Also 500 Euro mehr als in der Stunde erlaubt. Das sei ja kein Problem, erklärt der Mann entspannt. „Dann muss der Kunde nur eine Stunde warten und der Rest wird ausgezahlt.“ Eine Stunde lang sitzt der Kunde also mit 500 Euro in der Tasche und 500 Euro auf seinem Punktekonto vor dem lockenden Automaten.

 

Verlockend? Nein, nein, der Automat sei besonders „spielfreudig“, erklärt der Mann. 92 bis 94 Prozent zahle er im Schnitt von jedem eingeworfenen Euro wieder aus. Andere Betreiber sprechen von einer Auszahlungsrate von nur 70 Prozent. Nachzuvollziehen ist das meist nur an den Reaktionen der Kunden.

 

DER PRÜFER

Diese Reaktionen können extrem sein, weiß Frank Kohl, und sich direkt gegen die eigentlich unverwüstlichen Geldmaschinen wenden. Kohl arbeitet selbstständig und prüft als Sachverständiger der Industrie- und Handelskammer (IHK) Glücksspielautomaten in der Region Köln. Sein Job: Wenn die Zulassung eines Automaten abläuft, checkt der 57-Jährige die Software und stellt eine neue Erlaubnis aus. Als in den Spielhallen noch geraucht werden durfte, erzählt Kohl, mussten die Maschinen meistens nur dann gewechselt werden, wenn ein Spieler wieder einmal zum Äußersten griff und in seiner Wut einen Aschenbecher ins Display des Automaten donnerte.

 

Eigentlich hat Kohl Rufanlagen getestet, vor allem in Krankenhäusern. Dann suchte die IHK vor einigen Jahren einen Experten für Spielautomaten, der außerhalb des Systems aus Schmiergeld und Korruption steht, das in der Szene weit verbreitet ist. „Mafiöse Strukturen“, nennt Kohl das, in einer oft „halbseidenen Branche“. Der 57-Jährige schulte um. Inzwischen verdient er mit den Automaten weitaus mehr als mit den Rufanlagen. Engagiert und bezahlt wird er von den Betreibern selbst. Schmiergeld habe er dabei aber niemals angeboten bekommen, versichert er.

 

Bei der Frage, ob ein Mensch gegen den Automaten gewinnen kann, fängt Kohl laut an zu lachen. „Nein“, sagt er bestimmt. Der Verlust für den Spieler sei programmiert. „Das ist der Preis des Vergnügens.“ Die Betreiber profitierten von der „Fehlerquelle Mensch“. Es sei die Gier nach mehr, die Menschen trotzdem an die Automaten treibe.

 

DIE STADT

Die Methoden der Glücksspielindustrie, gesetzliche Vorgaben zu umgehen, sind seit Jahren bekannt. Einzelne Politiker wagten Vorstöße, dagegen anzugehen, wurden aber rasch in ihre Schranken verwiesen. Denn Staat und Kommunen gehören über Steuern selbst zu den größten Nutznießern der Automatenspiele. Vom staatlichen Monopol auf das Lottospiel und der Spielbankabgabe ganz zu schweigen. Laut dem Verband der Deutschen Automatenwirtschaft machte die Branche im vergangenen Jahr an Spielgeräten 4,37 Milliarden Euro Umsatz. Davon fließen rund 1,6 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben in Staats- und Kommunenkassen.

 

Rund zehn Millionen Euro jährlich nimmt allein die Stadt Köln über die Vergnügungssteuer für Automaten ein. „Wir hatten noch nie so viele Geräte in Spielhallen wie jetzt“, sagt Josef-Rainer Frantzen, Leiter des Kölner Kassen- und Steueramts. Habe es vor 20 Jahren noch mehr Geldspielautomaten in Gaststätten als in Spielhallen gegeben, sei das Verhältnis inzwischen umgekehrt: Circa 2000 Automaten waren 2013 in Gaststätten in Betrieb, schon 2500 in Spielhallen. Kein Wunder, schließlich steigt auch die Zahl der Spielhallen ständig: Waren vor fünf Jahren 154 Spielhallen in Köln gemeldet, waren es 2013 schon 211.

 

DER PSYCHOLOGE

Keine 50 Kilometer von der Düsseldorfer Messe und nur einen Sprung vom Kassen- und Steueramt entfernt, betreut Psychologe Wolfgang Kursawe die einzigen Verlierer im System Glücksspiel: Die Menschen, die nicht hinter den Automaten stecken, sondern davor stehen. Die für ein einziges Gewinn-Klingeln alles aufs Spiel setzen – ihre Wohnung, ihren Job, ihre Familie.

 

Aus Kursawes Büro im vierten Stock eines schmalen, grauen Hauses geht der Blick genau auf die Schienen des Hansarings. Seine Dienststelle hat es nicht leicht, das Geld ist immer knapp. Denn die Fachstelle für Glücksspielsucht finanziert sich ausschließlich über die Rentenversicherung, die Krankenkassen und einen minimalen Zuschuss des Landes NRW. Von der Stadt Köln erhält sie laut Kursawe keine Unterstützung.

 

200 Menschen hat die Fachstelle Glücksspielsucht der Drogenhilfe im vergangenen Jahr beraten und behandelt. Meist wenden sich die Spieler erst nach Jahren an die Beratungsstelle. Deutschlandweit gelten 240 000 Menschen als pathologische Glücksspieler. Zusätzlich sind 260 000 sogenannte problematische Spieler, erklärt der Psychologe. Die meisten, 70 Prozent, seien abhängig vom Automatenspiel.

 

Ihre Schnelligkeit macht die Automaten besonders gefährlich. Ein Spiel in fünf Sekunden, da bleibt wenig Zeit zum Nachdenken. Und der vermeintliche Gewinn liegt immer nur einen Knopfdruck weit entfernt. „Durch zusätzliche Tasten wie die Risikotasten wird dem Spieler außerdem suggeriert, dass er das Spiel beeinflussen kann – was natürlich nicht stimmt“, sagt Kursawe.

 

Auch wenn die Glücksspielsucht eine stoffungebundene Verhaltenssucht ist – mit Alkohol- und Drogensucht hat sie mehr gemeinsam, als sie unterscheidet. Oft haben die Betroffenen schon in der Kindheit an Automaten erste Erfahrungen gesammelt oder sich als Jugendliche in Spielhallen getroffen. „Viele Spieler berichten von einem vermeintlichen »big win«, einem großen Gewinn, am Anfang“, sagt Kursawe und blickt über den Rand seiner Brille. „Wenn man genauer nachfragt, war das aber gar nicht das erste Spiel.“ Unter Spielsüchtigen gelte aber die Faustregel: „Glück hat der, der am Anfang verliert.“ So oder so suchen viele immer wieder nach dem Kick des Sieges. Damit verbunden ist die Hoffnung darauf, bereits verspielte Summen wieder gewinnen zu können. „Chasing“ nennt der Psychologe dieses Verhalten: dem Verlorenen hinterherjagen.

 

Später wird die Spielhalle mit ihrem Blinken und Klingeln dann zum einzigen Ort, an dem der Spieler überhaupt noch Entspannung und Losgelöstheit empfinden kann. „Man vergisst alle Probleme“, sagt Wolfgang Kursawe. „Man befindet sich stundenlang in einer irrationalen Welt, in einem Tagtraum.“ Ein Tagtraum namens „Dolce Vita“ oder „Magic Mirror“ – optimiert von Designern und Soundingenieuren der Glücksspielindustrie.

 

Die Sucht nach diesem Tagtraum hat weitreichende Folgen: Oftmals rutschen Betroffene in die Beschaffungskriminalität ab, sie leiden unter Depressionen, Panikattacken und Suizidgedanken. Die realen und emotionalen Schulden nehmen irgendwann überhand: Manche von Kursawes Patienten haben mehr als eine Million Euro verloren und für das Spiel Familie und Freunde betrogen. Irgendwann ist die Maschine wichtiger als jeder Mensch. „Spieler sind immer auch sehr gute Schauspieler“, sagt Kursawe. „Sie spielen nicht nur mit Geld – sie spielen mit den Beziehungen zu ihren Mitmenschen.“

 

Wer mit dem Spielen aufhören will, braucht Jahre, um clean zu werden. Zwei Einsichten stehen am Anfang jedes Ausstiegs, erklärt der Psychologe. Erstens: „Diesen Kick, diese Euphorie – die werde ich so nie wieder spüren.“ Zweitens: „Das verspielte Geld ist für immer verloren.“ Zumindest als Spieler muss man sich im System Glücksspiel mit diesem bitteren Gedanken abfinden.