Netzwerk der Hungernden

Eine halbnackte Frau räkelt sich auf rosafarbener Bettwäsche. Die Beleuchtung ist schummrig, ihre Pose verheißungsvoll. Doch sie verspricht keinen Sex – sie verspricht Essgestörten lebensgefährliche Perfektion. Denn die Haut des Models spannt sich über fleischlose Knochen. Ihr Bauch ist eingefallen, von der Seite fotografiert nicht mehr als ein Strich. Eine dünne Verbindung zwischen Rippen und Hüften, die wie knöcherne Warndreiecke aus dem Körper ragen.

 

Das Foto wurde von einer Userin namens „I Wanna Be Skinny“ (alle Nutzernamen geändert) bei Twitter gepostet und mit einem Hashtag versehen, also einer Raute: #thinspo. Thinspo ist eine Abkürzung für „thin“ (dünn) und „inspiration“. Es ist einer der Sammelbegriffe, unter denen Bilder und Posts in sozialen Netzwerken verbreitet werden, die inzwischen Antrieb für ungezählte Essgestörte weltweit sind.

 

Die Hashtags funktionieren dabei wie Schlagworte in einem Verzeichnis: Sie sammeln alle Nachrichten gezielt zu den danach genannten Begriffen. Während Nutzer weltweit so täglich nach politischen Neuigkeiten, Witzigem und Trash suchen, vereinigt sich die Thinspo-Subkultur bei Twitter unter Abkürzungen, die medizinische Notfälle bedeuten: #ed für „Eating Disorder“, also Essstörung. #ana für „Anorexie“, Magersucht. #mia für „Bulimie“, Ess-Brech-Sucht. #trigger für „etwas auslösen“. Auch: Abzug am Gewehr.

 

Dass Essgestörte sich über das Internet organisieren, ist nicht neu. Vor einigen Jahren wurden Pro-Ana- und Pro-Mia-Blogs und -Foren populär. Ihre Betreiber und Nutzer – zumeist weiblich, jung, netzaffin – verkaufen die Magersucht als Lifestyle, als beste Freundin. Und nicht als Krankheit, die in Deutschland bei Frauen unter 35 Jahren die meisten Todesopfer fordert. Für viele Foren waren Passwörter notwendig, die Nutzerinnen wollten häufig unter sich sein.

 

Jetzt ist die Bewegung voll in den sozialen Medien angekommen. Passwörter sind hinfällig, die Posts werden in die Welt hinausgeschrien. Auf Englisch vernetzt sich die Gemeinschaft global. Die nur zu einem Zweck erschaffenen Profile sind digitale Tagebücher von Tausenden Essgestörten. Nur: für jeden frei zugänglich.

 

Ihre Fotos, oft kombiniert mit düsteren Motivations-Sprüchen, sollen dazu anhalten, weniger zu essen. Am besten: nichts mehr zu essen. Wer bei Twitter besonders erfolgreich motiviert, wird retweeted – Fans kopieren den Tweet mit dieser Funktion auf ihr Profil und verbreiten ihn erneut weiter an ihre eigenen Follower. Ein Hunger-Kult, der sich viral verbreitet.

 

Fotos spielen in dem Datenstrom eine wichtige Rolle. Als „Thinspirationals“ werden Bilder von vermeintlichen Idealen verbreitet, die auf dem Weg ins Untergewicht den knurrenden Magen disziplinieren sollen. Unterwäsche-Models, aus Katalogen abfotografiert; Selfies von Magersüchtigen, von anderen Twitter-Accounts kopiert; federleichte Vorbilder aus dem Fitnessstudio, heimlich vom Laufband aus geknipst. Persönlichkeits- und Urheberrechte interessieren nicht, ebenso wenig, ob die abgemagerten Fotomotive real sind oder mit Photoshop bearbeitet wurden. Allein die Körperteile, an denen sich das Gewicht ablesen lässt, zählen: ausgemergelte Handgelenke, hervorstechende Schlüsselbeine, Beine dünn wie Zahnstocher. Jeder sichtbare Knochen bekommt sein eigenes Hashtag. „Gib mir die Stärke, so zu werden wie sie“ oder „Thinspo am Morgen! Um den Tag zu überstehen!“, schreiben die Nutzerinnen dazu.

 

Unter dem Begriff #ReverseThinspo sammelt sich das Gegenteil: Bilder von dicken Frauen, die genussvoll Eis essen oder deren Bäuche aus zu engen T-Shirts lugen. „Widerlich!“, „Abstoßend!“ und „Wie kann man sich so gehen lassen?“ sind die sanftesten Reaktionen aus dem Netz. Auch die Selfies, die es im Thinspo-Meer gibt, werden als #ReverseThinspo gepostet – obwohl oft schon gefährlich nah am Ideal. „Ich möchte gerade sterben“, schreibt eine Nutzerin zu einem unbeholfen vor dem Spiegel aufgenommenen Bild ihres brettdünnen Bauchs. „Fett Fett Fett“ ist der einzige Kommentar der Nutzerin „Too Big To Be On Earth“ zu einer Aufnahme ihrer mageren Oberschenkel. Neun andere Nutzer haben den Tweet favorisiert, in der Twitter-Welt also mit einem „Gefällt mir“ versehen.

 

Die Nutzerin Depressed ist Einsteigerin in der Thinspo-Welt. Seit drei Monaten existiert ihr Twitter-Profil, das keinen Aufschluss über ihre wahre Identität gibt. Inzwischen postet sie drei bis sechs Tweets pro Tag, die sich ausschließlich mit ihrem Körper beschäftigen. „Nach Thinspo zu suchen ist mein Leben!“, twittert sie an einem Abend auf Englisch. Ob Depressed Zeit für ein Gespräch hat? Es stellt sich raus: Sie ist Deutsche, 18 Jahre alt, gerade fertig mit dem Abitur. Und bereit zu reden. Nicht persönlich. Hier, bei Twitter. In Kurznachrichten. So, wie sie auch sonst ausschließlich über ihre Krankheit kommuniziert.

 

Dass Depressed eine Essstörung hat, ist ihr durchaus bewusst. „Mein Verhältnis zu meinem Körper ist definitiv nicht normal.“ Doch ihre Eltern, sogar ihr Freund, der gerade neben ihr sitze, seien ahnungslos. Nur ihre Follower, „die Gemeinschaft“, bei Twitter – alle mit sprechenden Namen wie „Anas knochige Freundin“ oder „Hungern bis ich verschwinde“ – werden täglich auf den neuesten Stand gebracht: über das Frieren bei Nacht; ihre Müdigkeit am Morgen; Furcht, Freude und Frust auf der Waage; die aktuelle Fasten-Strategie; die Angst, dass ihre Krankheit entdeckt wird; tagelange Depressionen.

 

Die Menschen, mit denen sie ihre Geschichte teilt, kennen ihre Maße und ihr Gewicht, grammgenau – aber nicht ihren richtigen Namen. Ihr Profil-Foto zeigt ein Thinspo-Ideal, beim Googeln gefunden, in Unterwäsche vor dem Spiegel kniend. „Wunderschön. Es ist mein persönlich wichtigstes Thinspo-Bild“, schreibt Depressed. Auch sie selbst sei eine große Motivation, weil sie „vor dem Spiegel oder auf der Waage oft heule, weil ich so unglücklich bin“. Um zu werden, wie ihre Vorbilder, hungert sie. Es sei denn, eine Essattacke überkommt sie. Maximal 1000 Kalorien versucht sie täglich zu sich zu nehmen, oft sind es weniger als 400.

 

Heute scheint sie zufrieden. Bis vor dem Abendessen mit ihrem Freund hat sie gehungert und stolz den Timer ihrer Diät-App auf Twitter gepostet: seit 20 Stunden absolut kalorienfrei. Ihr Ziel sind 50 Kilo – Untergewicht.

 

Über Twitter-Freunde flattern täglich neue Hunger-Tipps ins Haus. Von„Knochige Fee“ will Depressed wissen, wie viele Kilos pro Woche purzeln, wenn man als Mono-Diät nur Mandelmilch trinkt. Eiskalt duschen, empfiehlt eine andere, der Körper verbrauche schon Kalorien, sich wieder aufzuwärmen. Einen Tag später twittert Depressed: „Meine Haut tut weh, für eine Sekunde dachte ich, ich könnte nicht mehr atmen. Aber ich war noch nie glücklicher nach dem Duschen.“

 

Der weitaus überwiegende Teil der Experten, die sich mit den Hungertrends online beschäftigen, bewertet diese als gefährlich. Pro Ana und Thinspo würden Frauen negativ beeinflussen, die noch nicht magersüchtig seien, und trieben bereits Erkrankte weiter in die Sucht. Das Engagement online verzögere den Eintritt in die Therapie. Eine US-Studie aus dem Jahr 2012, die Interviews mit 33 Pro-Ana-Bloggerinnen ausgewertet hat, widerspricht dieser Einschätzung mit einer provokanten These: Über die ansonsten stigmatisierte Krankheit zu bloggen sei ein läuterndes Erlebnis. Die Angst, als Blog-Betreiberin entlarvt zu werden oder andere Frauen in die Krankheit zu treiben, könne beim ersten Schritt in die Therapie helfen.

 

Die sozialen Netzwerke verfolgen unterschiedliche Strategien im Umgang mit der essgestörten Subkultur, von der sie als Werbemedien missbraucht werden. Plattformen wie Facebook, Tumblr und Instagram haben bereits 2012 und 2013 ihre Richtlinien geändert und Inhalte, die Essstörungen fördern, als „selbstverletzend“ verboten – mit mehr oder weniger Erfolg. Instagram zum Beispiel blockiert seither Hashtags wie #thinspirational oder #proana komplett. Zwar kann die Foto-Plattform ihre Nutzer nicht davon abhalten, die Buchstabenfolge in Kombination mit einer Raute einzutippen. Sie kann aber verhindern, dass die Raute alle dazugehörigen Nachrichten sucht und bündelt. Wer bei Instagram jetzt nach „#proana“ sucht, erhält gar keine Antworten. Wie wirkungsvoll die Sperren sind, sei dahingestellt: Die Gemeinschaft passt sich schnell an und ist ohnehin unter vielen Hashtags aktiv. Bei Instagram lassen sich unter dem Hashtag #ana, das noch nicht gesperrt wurde, alleine mehr als acht Millionen Beiträge finden.

 

Auf Nachfrage dieser Zeitung erklärt ein Pressesprecher von Instagram, dass nicht nur kritische Hashtags blockiert werden sollen: Jeder Account, der Nutzer zu Anorexie, Bulimie oder anderen Essstörungen anrege, werde ohne Warnung gesperrt. Und: „Wir glauben, dass Kommunikation über diese Themen wichtig ist, um Bewusstsein, Unterstützung und leichtere Erholung zu ermöglichen. Aber Instagram ist nicht der Ort für aktive Werbung oder Glorifizierung von Selbstverletzung.“

 

Keine Spur von Sperrungen und Warnungen gibt es hingegen bei Twitter. Dabei erregte der Kurznachrichtendienst mit fehlenden Leitlinien zu Essstörungen bereits Unmut in den USA, wo Thinspo schon früher um sich griff. „Kein Kommentar“, gibt ein Sprecher auf Anfrage bekannt und verweist einzig auf einen Link, unter dem selbstverletzendes Verhalten von anderen Nutzern gemeldet werden kann. Dort steht: Twitter verschicke eine Botschaft an den Betroffenen, mit dem Hinweis, dass „jemand sich um ihn sorge“, sowie Kontakte zu Beratungsstellen. Unter den Adressen finden sich Ansprechpartner für Depressive und Suizidgefährdete – kein einziger Experte für Essstörungen ist darunter. Warum die Profile und Hashtags nicht gesperrt werden? Auf diese Frage antwortet der Konzern nicht.

 

Ob Depressed die Gefahr bewusst ist, die Thinspo birgt – für sie und andere? Sie glaube, Thinspo könne eine große Versuchung sein, wenn man den Absprung schaffen wolle, schreibt Depressed. Aber den Ausstieg plane sie noch lange nicht. „Ich denke, ich habe im Moment noch genug gesunden Menschenverstand, um mich nicht zu Tode zu hungern.“ Noch.

 

Eines ihrer Twitter-Vorbilder hat den Absprung geschafft. Mit mehr als 20 000 Followern zählte „Schlanke Fee“ zu den erfolgreichsten Hungerwahn-Twitterern. Plötzlich verschwand sie, ein paar Monate lang lag ihr Account brach. Im Januar meldete sie sich zurück. Mit nur einem Post: „Ich hasse diesen Account wirklich und will ihn löschen, weil ich »gesund« bin. Aber ich kann einfach nicht, weil er mich an bessere Zeiten erinnert. Es tut mir leid.“

 

Annika Leister (Text) und Nadine Magner (Illustrationen)