Mein Freund, der Automat

Wann haben Sie mit dem Automatenspiel begonnen?


Michael Schützen: Mit 21. Eine Freundin hat mich in eine Spielhalle mitgenommen. Erst hab ich 20 Mark verloren, dann 50. Als ich kurz darauf mit der Ausbildung fertig war, bin ich zum ersten Mal alleine hingegangen, auf dem Weg vom Einkaufen, die Tüten noch in der Hand – und habe 350 Mark gewonnen.


Mit welchem Einsatz?


Schützen: 10 oder 20 Mark, es war auf jeden Fall nicht viel. Da hab ich gedacht: Okay, wenn das so einfach ist… Am Anfang war ich noch so diszipliniert und bin gegangen, wenn ich Gewinn gemacht hatte. Das hat später aufgehört. Wenn man dann gewinnt, will man weiter und weiter und weiter… Mit Spielen an sich hat das aber nichts mehr zu tun, da geht’s darum, Probleme zu verdrängen.


Was waren das genau für Probleme?


Schützen: Ich war früh auf mich selbst gestellt. Und ich hatte mir immer einen Partner gewünscht, aber das hat nie so funktioniert, wie erhofft. Diese Enttäuschungen wollte ich verdrängen – und das habe ich auch immer mit den Automaten geschafft. Klar, die Probleme waren hinterher noch größer, wenn ich ohne Geld nach Hause gegangen bin, aber vorher musste ich nicht nachdenken. Und wenn ich gewonnen habe, habe ich mich stark gefühlt. Das Spielen war wie ein Bulldozer, der für ein paar Stunden alle Probleme beiseite geschoben hat.


Und warum hat es Sie an die Automaten gezogen? Warum keine andere Sucht?


Schützen: Ich weiß es nicht. Alkohol ist nicht mein Ding. Mein Vater hat stark getrunken, meine Mutter hat Tabletten genommen, weil sie schwer depressiv war. Ich gehe davon aus, dass das für mich abstoßend war. Das Spielen war für mich eine neutrale Sucht, die ich nicht kannte.


Wie oft waren Sie am Automaten?


Schützen: So oft es ging. Wenn ich Geld hatte, immer am Anfang des Monats, konnte es passieren, dass ich an einem Abend 1000 Euro los war. Manchmal hatte ich aber auch 1000 Euro plus – und konnte dann zwei, drei Tage länger spielen.


In 17 Jahren Spielsucht – was war ein Tiefpunkt, der Sie besonders hart getroffen hat?


Schützen: Ich habe eine Allergie gegen Chrom und Nickel, mit denen Geldmünzen ja legiert werden. Immer, wenn ich gespielt habe, habe ich Ausschlag bekommen und musste mich am ganzen Körper kratzen. Einmal musste ich wegen eines Allergieschocks sogar ins Krankenhaus. Eine Zeit lang dachte ich, das ist die Strafe des Herrn.


Sind Sie immer in dieselbe Spielhalle gegangen?


Schützen: Am Anfang hatte ich eine feste Spielhalle. Aber dann kam die Zeit, in der sich die Spielhallen gegenseitig überboten haben mit lecker Schnittchen und Cappuccino vom Feinsten.


Kostenlos?


Schützen: Ja, natürlich. Da habe ich auch den Umweg gemacht und bin fünf Kilometer weiter spielen gefahren, denn bei mir um die Ecke gab’s nur billigen Kaffee. In der anderen Spielhalle waren 50 Automaten und eine richtige Bar. Außer Alkohol gab’s da alles, was das Herz begehrt. Über Weihnachten war ich auch gerne da. An Heiligabend wurde dort ein richtiges Buffet nur für die Gäste aufgebaut.


Sind das nicht unfaire Verlockungen?


Schützen: Ich gebe die Schuld nicht der Spielhalle. Das ist eine Dienstleistung, die angeboten wird. Ob man damit krankhaft umgeht oder nicht, das bleibt jedem Menschen selbst überlassen. Wenn man so anfängt, müsste man die Schuld auch der Politik geben, denn die ermöglicht das Spielen. Die machen im Grunde ja nichts anderes als ich: Durch Nichtstun viel Geld bekommen wollen.


Wann ist Ihnen klar geworden: Ich bin süchtig?


Schützen: Ich habe das Jahre lang nicht wahrgenommen, denn die Maschinerie hat für mich funktioniert. Ich habe wie ein Tier in meinem Job und nebenbei in der Gastronomie gearbeitet, damit ich mir ein paar Mal im Monat eine Riesensause in der Spielhalle leisten konnte.


Ging es bei Ihnen bis zur Beschaffungskriminalität?


Schützen: Nein. Das hab ich zum Glück nie gemacht. Da hatte ich dieses Ehrgefühl in mir… und ich bin nicht der Typ für Überfälle. (lacht)


Und Kredite?


Schützen: Eine Menge. Zuerst waren die Sparverträge dran, dann Kredite. Wenn die eine Bank mir keinen mehr geben wollte, bin ich eben zur nächsten gegangen.


Aber sagen die Banken in 17 Jahren nicht irgendwann „Stopp“?


Schützen: Ich habe immer fleißig gearbeitet, damit das Kartenhaus nicht zusammenfällt. Das sieht die Bank ja, und so lange die wissen, dass Geld nachkommt, geben die einem, was man will. Irgendwann hat meine eigene Vernunft „Stopp“ gesagt, ansonsten wäre das immer weiter gegangen, bis ich platt bin.


Wissen Sie ungefähr, wie viel Sie verspielt haben?


Schützen: Nein. Das möchte ich auch gar nicht wissen. Wenn ich das sehen würde – ich glaube, ich würde umfallen. Mittlerweile bin ich auch so weit zu sagen: Da musst du mit abschließen, das ist deine Geschichte, sie war teuer, aber sie ist vorbei und jetzt kostet sie mich nichts mehr.


Wie haben Sie diesen Punkt erreicht?


Schützen: Ich habe mir Hilfe gesucht. Zuerst war ich in der Motivationsgrupe der Fachstelle für Glücksspielsucht, dann in einer sechswöchigen Reha und im Anschluss noch einmal zwölf Monate in ambulanter Therapie.


Seit wann sind sie spielfrei?


Schützen: Seit 18 Monaten. Und mein tiefster Wunsch ist, dass das so bleibt. Mein Konto ist gerade zum ersten Mal in all den Jahren bei Null, ganz ohne Überziehungen. Das ist ein herrliches Gefühl, da bin ich sehr stolz drauf. Bis ich all meine Schulden beglichen habe, wird es wohl noch zwei Jahre dauern. Aber ich bin auf einem guten Weg.


Das Gespräch führte Annika Leister, Bild von Arton Krasniqi