Asiland ist abgebrannt

Lieber Martin, lieber Philip,


ihr habt es gehört: Das Dschungel-Land wurde herabgestuft. Die „B.Z.“ hat am Dienstag ihr Rating abgegeben: D - Zahlungsunfähigkeit. Der Zwergstaat komme seiner Unterhaltungs-Pflicht nicht nach. „Wegen Langeweile“ stellt das Berliner Boulevardblatt deswegen Kreditzahlungen in Form von Berichterstattungen mit sofortiger Wirkung ein.


Ein schlechtes Rating kann den Markt erschüttern, mag die Ratingagentur auch noch so klein sein. Doch die Dschungel-Macher sind schnelles Krisen-Management gewohnt: Wenige Stunden und ein paar verschlissene Gagschreiber später steht das Konzept, Hartwich und Zietlow verteilen vor den Kameras Haken in Richtung „B.Z.“ und verkünden bissig Aufschwung, Stimmung, Heiterkeit. Nur die Bewohner des bankrotten Zwergstaats müssen sich jetzt noch an den strikten Plan halten, der ihnen so viel mehr abverlangt als sie bisher gewohnt waren zu liefern.


Walter, der Bundespräsident, leistet gewissenhaft seinen Beitrag („Die Zuschauer sind das allerwichtigste!“). Er verbreitet zwar eher das Gefühl von Apokalypse als Aufbruch, doch spart er nicht an klarer Kritik an seinen Bürgern („Ich muss nur kotzen!“ – über Aurelio). Dafür ist ein Präsident schließlich auch da – zu mahnen, zu erziehen, moralisch zu leiten, besonders in Momenten der größten Schwäche. Doch bei den dauerhaften Streiks, die Splittergruppen wie die Savina-Leitwolf-Gewerkschaft seit Tagen gegen das Programm führen, resigniert auch ein unermüdlicher Kämpfer für grenzwertige Unterhaltung wie Walter: „Wo bin ich denn hier? In Asi-Land!“


Deswegen sorgt der kluge Präsident von Asi-Land, wie es in der Politik eben so üblich ist, schon zu Amtszeiten für die Zeit danach vor. Er könne vielleicht „Wetten, dass…“ moderieren, fantasiert Walter, habe es sogar schon einmal abgelehnt, oder auch eine Musikshow oder „jede andere Unterhaltungssendung“. Ich finde, man müsste dem Walter eine eigene Show geben, die sich ganz seinem Leben widmet. Im Titel könnte man sich an den Biographien der Familie Wulff orientieren. Christian: „Ganz oben – ganz unten“ (für Walter: „Ganz unten – ganz unten“). Oder auch Bettina: „Jenseits des Protokolls“ (Der Walter könnte hier unter anderem nochmals in aller Breite erzählen, welche Pein es ihm bereitet hat, Maren aus unglücklichem Winkel bei der Morgengymnastik zugucken zu müssen).


Die Savina-Leitwolf-Gewerkschaft ist dem Präsidenten zurzeit der größte Dorn im Auge. Denn die Ein-Mann-Fraktion Aurelio ist ein wenig wie das Femen des Dschungelcamps: Nur wegen eines vorzüglichen Körperbaus immer noch dabei. Noch dazu hat der Italiener an Tag 12 den Aufstand gewagt und sich selbst zum Botschafter für Umwelt- und Artenschutz erklärt. Eine Schlange, die sich in sein Bett verirrt hatte, hätte Aurelio gerne auf seine Agenda gesetzt. „Ist sie nicht wunderschön?“, fragte er so lange, bis die Schlange es nicht mehr ertragen konnte. Sie ließ sich Beine wachsen und wieselte als Echse davon.


Besonders am Herzen liegt Aurelio aber die Erhaltung des American Staffordshire Terrier. Dass der zu den landläufig als „Kampfhunden“ bekannten Rassen zählt – das stört den Aurelio wenig. Mit dem Geld für das Erringen der Dschungelkrone – so um die halbe Million, hat der Aurelio geschätzt – könne er ein Kampfhund-Paradies auf einem Bauernhof errichten. Dumm nur, dass es für die Krone gar keine Extra-Kohle gibt und er sich von daher mit seinen lächerlichen 50.000 Euro Gage begnügen muss. Eigentlich kein Grund länger zu bleiben, in die Richtung hat sich der Italiener schon geäußert. Nicht nur Präsident Walter würde aufatmen.

 

Realpolitik ist dann eher Maren Gilzers Stärke. Mit der Fähigkeit, mit einem Lächeln so viele Widerwärtigkeiten wie möglich in sehr kurzer Zeit zu schlucken, hat sie sich deswegen an Tag 12 den Titel als Kanzlerin mehr als verdient. Und hat sich sogar der Krone ein gutes Stück genähert. Das Publikum - das hat Melanie Müller im letzten Jahr gegen wesentliche stärkere Konkurrenz als Walter bewiesen - steht auf schmerzfreie Schlucker. GZSZ-Schönling Jörn Schlönvoigt übernahm bei der Prüfung mit der wie üblich aus primären Geschlechtsteilen bestehenden Kost den passiven Part als Mentalcoach an Marens Seite. Nur zum Rückenreiben zu gebrauchen


Da hatte sogar Tanja Tischewitsch mehr zu bieten, als sie mit Walter eine Geheimaufgabe zu lösen hatte: Für sechs Stunden alle 30 Minuten unbemerkt von den anderen im Dschungel zu verschwinden, um eine Wasseruhr nachzufüllen. „Ey, bin ich hier im Knast, odaaa waaaas?“, mit Finten wie diesen und einem hysterischen Lachen lavierte sich Tischewitsch einer Geheimagentin gleich durchs Camp. Dem unterdurchschnittlichen IQ und der überdurchschnittlichen Ich-Bezogenheit im Camp sei Dank – am Ende springt Schokokuchen für alle raus.


Das ist kein D am Dienstagabend. Kanzlerin Gilzer, die Unersättliche, und Präsident Walter, der Unstillbare, haben Dschungel-Land mit vereinten Kräften auf ein schlechtes B gepusht. Eine hochspekulative Anlage bleibt das Camp nach wie vor, ein starker König ist noch lange nicht in Sicht. Doch so lange Maren nicht die „Wechseljahre“ oder „Hormone oder so“ (Walters Erklärung für ihre überraschend gute Leistung) ausgehen, sind wir vorerst auf der sicheren Seite.


Eure Annika


PS: Beinahe vergessen: Wegen Untätigkeit abgeschoben wurde Lindenstraßen-Iffi Rebecca Siemoneit-Barum. Ihrer Aussage nach war sie eine „Professionelle, die sich hier sehr nackt zeigt“. Zum Glück klaffen Fremd- und Selbstwahrnehmung auch hier sehr weit auseinander. 

 

Die KSTA-Autoren Philip Sagioglou, Martin Weber und Annika Leister verarbeiteten Freud und Leid beim Anblick der Dschungelcamps 2013 und 2014 in einem therapeutischen, täglichen Briefwechsel.