Vorstand von Computers Gnaden

Titelgeschichte der Frankfurter Rundschau vom 27.05.2018, online hier.

 

Computer fahren Auto, arbeiten am Fließband, betreuen Alte in Pflegeheimen – jetzt führen sie auch Bewerbungsgespräche. Und zwar nicht irgendwelche: Bei Talanx, einer der größten deutschen Versicherungsgruppen mit Sitz in Hannover, werden mithilfe der Sprachsoftware „Precire“ die vielversprechendsten Kandidaten für die höchsten Stellen in Vorstand und Management ausgewählt. Was früher ein Assessment-Center regelte, mit internen sowie externen Beobachtern und hohen Honorar- und Reisekosten für das Unternehmen, erledigt die Software in einem zehn bis 15 Minuten langen Telefongespräch. „Das verringert die Kosten bei der Personalsuche oft um 70 Prozent“, sagt Thomas Belker, Personalvorstand in der Talanx-Gruppe.

 

 

 

Belker hat – wie die gesamte Führungsriege – selbst mit der Software gesprochen und ist begeistert: „Verblüffend“ und „faszinierend“ seien die Ergebnisse für jeden, der es ausprobiere. Vom eigentlichen Job versteht die Software dabei nichts. „Precire“ geht es um den Charakter: Das Programm liefert dem potenziellen Arbeitgeber ein psychologisches Profil des Menschen, der mit ihm spricht. Laut Kunde Belker eine „Analyse, die die Persönlichkeit tatsächlich treffend darstellt“.

 

 

Ist der Computer etwa der bessere Menschenversteher? Christian Greb hat die Software miterfunden. Früher arbeitete der heute 33-Jährige als Berater von Trainern und Managern im Spitzensport. Er stellte rasch fest: Von flammenden Kampfansprachen des Trainers ließ sich nur ein Drittel des Teams mitreißen. Dem zweiten Drittel waren sie egal. „Und ein Drittel bekam sogar Angst.“ Erst individuelle Kommunikation war der Schlüssel, um das Team als Einheit zu pushen. Ganz ähnlich wie Greb und seine Mitstreiter durch Beobachtung und Interviews die Wirkung des Trainers auf seine Spieler analysierten, soll „Precire“ jetzt den künftigen Chef auf seine Wirkung testen.

 

 

Bis zu 42 Fragen hat die Software auf Lager, die sich um Persönliches und Berufliches drehen. Maximal zwölf davon schaffen die meisten Bewerber, sagt Greb. Was nicht schlimm ist – weil die Fragen eigentlich gar keine Rolle spielen. Sie sind lediglich der Anreiz, um dem Bewerber zu entlocken, was Greb „emotionale Spontansprache“ nennt.

 

 

Auf der Homepage wirbt Grebs Aachener Unternehmen Precire Technologies damit, anhand der Sprache den „ureigensten Ausdruck unseres Seins“ zu entschlüsseln. Was spirituell beworben wird, ist vor allem Mathematik: „Precire“ wurde zweieinhalb Jahre lang gefüttert mit den Ergebnissen zahlreicher Studien aus Psychologie und Linguistik. Das Programm soll – Stichwort: Künstliche Intelligenz – außerdem mit der Analyse jedes weiteren Bewerbers klüger und treffender werden. Inzwischen haben laut Greb bereits rund 12 000 Menschen teilgenommen.

 

 

Im Test wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen den Worten, die wir verwenden, und den zwischenmenschlichen Kompetenzen, die wir besitzen. Wer positive Adjektive verwendet, wird als eher optimistisch eingeschätzt. Entscheidungsfreudig ist, wer oft stark wertende Begriffe benutzt. Wer stattdessen häufig das Wort „wir“ statt „ich“ sagt, ist teamfähig, aber vielleicht nicht der geborene Entscheider. Unumstritten sind diese Einschätzungen nicht, zu so gut wie jeder psychologischen Studie gibt es schließlich eine andere, die das Gegenteil behauptet.

 

 

Talanx-Personalvorstand Belker ist trotzdem von der Effizienz überzeugt. Das Programm spare nicht nur Geld und Zeit – es sei auch objektiver und deswegen fairer. „Die Maschine kennt unbewusste Vorurteile, die jeder Mensch hat, nicht. Ihr ist es egal, ob jemand Mann oder Frau ist oder welche Hautfarbe er hat.“

 

 

Aber ist es nicht einfach, die Software zu überlisten, indem man im Telefonat Goethe- oder Steve-Jobs-Zitate vorliest? Nein, ist Belker überzeugt. Die Software beachte zu viele Merkmale, sei also so komplex, dass einige eingestreute Zitate das wahre Ich nicht verbergen könnten. „Andere Manipulationsversuche wie vorlesen, rezitieren oder singen erkennt die Software als unnatürliches Sprachverhalten.“ Dann schlage sie Alarm, auch bei Talanx sei das schon passiert. Trotz aller Vorteile gelte bei Talanx aber weiterhin: „Die Künstliche Intelligenz analysiert, der Mensch entscheidet.“

 

Aber „Precire“ wird nicht nur für Neueinstellungen eingesetzt. Talanx verwendet die Software zum Beispiel dauerhaft als Schulungsinstrument für die Führungsriege. Immer und immer wieder lassen die Angestellten dann ihre Sprache von der Maschine durchleuchten, um sie zu verändern und Teams so besser zu leiten. Ausgerechnet der Computer soll den Angestellten also beibringen, besser im Menschsein zu werden. Die Effizienz des technischen Algorithmus verändert und bestimmt dann das Verhältnis zwischen Personen.

 

Was Philosophen und Psychologen zu ganzen Abhandlungen motivieren könnte, begeistert Personaler scheinbar wegen des Ergebnisses: In mehr als 100 deutschsprachigen großen Unternehmen wählt „Precire“ laut Schöpfer Greb bereits Personal aus. An einer englischsprachigen Version wird derzeit gearbeitet.